Knowledge Base Balthasar Glättli

Texte, Entwürfe, Snippets. Aus meiner Obsidian Installation.

@haasMigration22Populaere2023


Haas, Hein de. Migration. 22 populäre Mythen und was wirklich hinter ihnen steckt. Übersetzt von Jürgen Neubauer. 1. Auflage. Frankfurt am Main: FISCHER E-Books, 2023.

title: **Inhaltsverzeichnis**
style: nestedList # TOC style (nestedList|inlineFirstLevel)
minLevel: 0 # Include headings from the specified level
maxLevel: 0 # Include headings up to the specified level
includeLinks: true # Make headings clickable
debugInConsole: false # Print debug info in Obsidian console

Text: [[Migration 22 populäre Mythen und was wirklich hinter ihnen steckt.pdf]]

Mythen der Migration

Mythos 1: Die Migration bricht alle Rekorde

Die verbreitete Vorstellung ist, dass die Welt in einer Massenmigrations-Krise sei, verursacht einerseits durch eine Häufung von Kriegen, Armut und Umweltkrisen (Push-Faktoren), aber auch durch neue günstige Transportmöglichkeiten und schliesslich durch die Anziehungskraft der medial weltweit verfügbaren Darstellung des westlichen Reichtums (Pull-Faktoren).
Fakt ist, dass der Anteil von internationalen Migrantinnen und Migranten an der Weltbevölkerung in den letzten Jahrzehnten stabil bei rund 3 Prozent lag. Wobei zu vermuten ist, dass in der Vergangenheit die Migration eher weniger genau erfasst und damit zu tief beziffert wurde.
Ende des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts sind viel mehr Menschen migriert: "Allein zwischen 1846 und 1924 verließen rund 48 Millionen Europäer den Kontinent – das entspricht rund 12 Prozent der europäischen Bevölkerung des Jahres 1900. In manchen Ländern war der Anteil deutlich höher. In diesem Zeitraum verließen rund 17 Millionen Menschen die britischen Inseln – das entspricht 41 Prozent der britischen Bevölkerung des Jahres 1900. FN7"
Die Zahl der Geflüchteten ist nochmals viel kleiner und beträgt etwa ein Zehntel der internationalen Migrantinnen und Migranten.
Allerdings hat sich die Richtung der Migration umgekehrt. Vor allem Westeuropa wurde von einer Auswanderungsregion zu einem Ziel der Migration. Mit der Kolonialisierung waren massive Auswanderungen aus Europa verbunden. Dazu kamen gewaltige Zwangsumsiedlungen. In der Nachkriegszeit sank dann die Geburtenrate in den Industrieländern massiv, zur Postkolonialen Rückwanderung kamen Gastarbeitende und andere Arbeitsmigration. Neben Europa wurden aber auch Saudiarabien, VAE und Katar Einwanderungsländern für Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Asien.
Die Migration findet vorab über kurze Distanzen statt, als Landflucht im globalen Süden. Im globalen Süden erleben wir heute eine gross angelegte Landflucht, welche in Europa Ende der 1950er Jahre praktisch abgeschlossen war. So sind alleine in China 270 Millionen Menschen in der Binnenwanderung, die Binnenmigration in China betrifft also mehr Menschen als die global grenzüberschreitende Migration.
Globalisierung und Technisierung führt zu einer Verlagerung der Arbeit in Niedriglohnländer. Entsprechend wird der Bedarf an Arbeitsmigrantinnen und -migranten kleiner.

Mythos 2: Unsere Grenzen sind nicht mehr sicher

Rechte Politik insinuiert, dass Flüchtlingskarawanen und eine Flut von Flüchtenden auf die industrialisierten Staaten zuströmen.
Faktisch kommt die überwiegende Mehrheit der Zuwandernden legal ins Land, nicht erbetene Migrant:innen machen in Europa 3% der legalen Migration aus. Die Zahl der festgenommenen resp. registrierten "nicht erbetenen Migranten" (Illegale Migrant:innen und Asylsuchende) machen im Schnitt 1997 bis 2020 gerade mal 64’600 Personen aus, also gut 3% der legalen Migranten, die jährlich in der EU eintreffen.[^1] Darin eingerechnet ist der einmalige Höhepunkt mit fast einer Million von Syrienflüchtlingen 2015/2016.
Die illegale Einwanderung nimmt langfristig nicht zu. Laut aktuellen Zahlen verlassen 90% der afrikanischen Emigrant:innen den Kontinent mit gültigen Einreisepapieren. Kurzfristige Schwankungen gibt es bei einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage an Arbeitskräften in Zielländern oder bei Konflikten und Kriegen. Berichtet wird aber meist nur über den Anstieg, nicht über den danach erfolgenden Rückgang.
Zuwandernde werden grossteils aktiv von Arbeitgebern angeworben. Auf Druck der Wirtschaft wurden in DE, NL, BE, SE und CH Gastarbeiterverträge abgeschlossen mit Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Jugoslawien, später auch mit der Türkei, Marokko und Tunesien.
Gerade auch die illegalisierten Migrantinnen und Migranten sind erwünschte Arbeitskräfte. Sans-Papiers – also Migrant:innen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung, sind umso mehr auf eine Arbeit angewiesen. Legale ebenso wie illegale Zuwanderung sind erwünschter, als dies die Kampfrufe "gegen die illegale Migration" erwarten liessen.
Die illegale Zuwanderung ist keine Invasion oder Völkerwanderung.

Mythos 3: Die Welt steht vor einer Flüchtlingskrise

Einerseits behaupten Flüchtlingsorganisationen, aber auch das UNHCR, dass die Zahl von Flüchtlingen ständig steigt. Rechte Politiker dagegen warnen davor, immer mehr Asylsuchende seien Wirtschaftsmigranten, also "unechte Flüchtlinge". Bereits in den 90er Jahren wurden darum auch von sozialdemokratischen Politikern Ideen diskutiert, das Asylwesen ganz an Drittländer auzulagern, u.a. von Otto Schily in Deutschland und Tony Blair in den UK.
Die Anzahl Geflüchteter steigt nicht an, sie ist im Schnitt seit den 1950er Jahren bei 1 und 3.5 Promille der Weltbevölkerung. Die Zahlen steigen und fallen mit Konflikten in Herkunftsländern. Als nach den Jugoslawienkriegen die weltweite Flüchtlingszahl Anfang des Jahrtausends auf 9 Millionen sank, sprachen Experen sogar dem UNO Flüchtlingskommissar die Existenzberechtigung ab.
Vier Fünftel der Flüchtlinge bleiben in Nachbarländern, 85% der Flüchtlinge werden von Entwicklungsländern aufgenommen. Die oft beschworenen "regionalen Lösungen" sind bereits Tatsache. So bleiben 92% aller afrikanischen Flüchtlinge auf dem Kontinent.
Die Zahl der "Scheinflüchtlinge" – also von Menschen, die keinen Schutzbedarf haben – bleibt in Europa seit Jahren konstant bei einem Viertel, sprich: Drei Viertel der in der EU Schutz suchenden Menschen hat einen tatsächlichen Schutzbedarf.
Der angebliche Zuwachs der Flüchtlingszahlen ist ein statistisches Phänomen. Das UNHCR nimmt seit der Gründung 1951 immer mehr Länder in seine Statistiken auf, und erweitert die Statistiken um neue Kategorien, zum Beispiel die grosse Gruppe von Binnenflüchtlingen – diese gab es aber (leider) schon vor ihrer statistischen Erfassung.
Real sind die grossen Schwankungen der Flüchtlingsströme in Abhängigkeit von aktuellen Konflikten, so flohen während der sowjetischen Besatzung Afghanistans 5.8 Mio. Menschen in die Nachbarländer.

Mythos 4: Unsere Gesellschaft ist vielfältiger denn je

Die Ansicht ist verbreitet, dass – aufgrund der massiven Zuwanderung – noch kaum je die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt in einer Gesellschaft so gross war wie in der unseren. Was die einen als Bereicherung sehen, wird von anderen als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt verstanden. Es findet ein Kampf der Kulturen statt: Das Böse, der Antisemitismus, soziale Spannungen: alles ist importiert. Wer nicht Ausschaffungen das Wort redet, fordert Assimilation oder zumindest Integration. Oft erschöpft sich der Unterschied zwischen Rechts und Links nur noch darin, ob die Immigrant:innen selbst und alleine für die Integration zuständig sein sollen, oder ob auch die Arbeitgeber und der Staat daran beteiligt sein müssen (vgl. das WOZ Editorial von B. Glättli das eigentlich "Die Ausländer sind unser Unglück" hätte heissen sollen: Her mit den besseren SchweizerInnen – WOZ 5.4.2007).
Dass wir im Westen unsere Gesellschaften als vielfältiger denn je wahrnehmen, hat damit zu tun, dass wir die Homogenität der Vergangenheit massiv überschätzen. 1910 lebten in den USA gleich wie heute knapp 15% Migrant:innen. Oft sind die unintegrierbaren Fremden von heute die Mustermigrantinnen von morgen. So galten lange Juden, Sinti und Roma als Bedrohung, ebenso betrachteten sich Katholiken und Protestanen als kulturell Fremde.

Mythos 5: Migration lässt sich mit Entwicklungshilfe eindämmen

Mythos 6: Migration ist die verzweifelte Flucht aus dem Elend

Mythos 7: Wir brauchen keine ausländischen Arbeitskräfte

Mythen zum Thema Zuwanderung

Mythos 8: Ausländer nehmen uns die Arbeit weg und drücken die Löhne

Mythos 9: Zuwanderung ist eine Gefahr für den Sozialstaat

Mythos 10: Die Integration ist gescheitert

Mythos 11: Massenmigration schafft Parallelgesellschaften

Mythos 12: Zuwanderung bringt mehr Verbrechen

Mythos 13: Migration führt zu Talentschwund (Brain Drain)

Mythos 14: Zuwanderung ist das Allheilmittel für die Wirtschaft

Mythos 15: Zuwanderung ist die Lösung für die alternde Gesellschaft

Migrationspropaganda

Mythos 16: Die Grenzen werden dichtgemacht

Mythos 17: Linke sind für, Rechte gegen Migration

Mythos 18: Die Öffentlichkeit hat genug von Zuwanderung

Mythos 19: Menschenschmuggel ist der Grund für illegale Migration

Politiker:innen aller Lager sind sich einig: Schlepper nutzen die Notlage von Flüchtlingen und Mitgrant:innen aus. Darum muss man die organisierten Schlepperbanden und damit die illegale Migration bekämpfen. Dies ist aber trotz immer schärferer Grenzkontrollen nicht gelungen. Warum? Menschenschmuggel ist eine Antwort auf immer schärfere Grenzkontrollen, nicht die Ursache der illegalen Migration. Dass Flüchtende diese gleichen Wege wie Arbeitsmigrant:innen nutzen müssen, hat auch damit zu tun, dass die Visumsbestimmungen verschärft wurden und Einreisen via Flugzeug seit der [[Europäischen Fluggastrichtlinie]] nicht länger möglich sind[^2] Die Zirkuläre Migration zwischen Südeuropa und dem Maghreb war bis zur Einführung des Schengener Abkommens 1991 ohne Visum möglich. Erst danach gab es illegale Einreisen, zuerst mit Fischerbooten, dann mit der Professionalisierung der Migrationsabwehr wurde auch der Menschenschmuggel professionalisiert. Gleichzeitig wurden die Wege immer länger und gefährlicher.
Die meisten Arbeitsmigrant:innen nehmen Schleuser als Dienstleistung in Anspruch, auch wenn sie wissen, dass dies teuer ist und sogar lebensgefährlich.[^3] Das wahre Geschäft mit der illegalen Migration machen nicht die Schlepper, die oft auch Kleinunternehmen sind. Von der Militarisierung der Grenzen profitieren vorab die Rüstungs- und Technologieunternehmen milliardenschwer.[^4] Auch das Budget von Frontex exploriderte von 2012 bis 2022 von 85 auf 754 Millionen Euro.
Fazit: Die Migrationsabwehr macht die Migration teurer und gefährlicher. Hein de Haas folgert: "Der Kampf gegen den Menschenschmuggel ist zum Scheitern verurteilt, weil er eine der Ursachen des Problems ist, das er zu bekämpfen vorgibt."

Mythos 20: Menschenhandel ist eine moderne Form von Sklaverei

Mythos 21: Zuwanderung lässt sich durch Beschränkungen verringern

Die Idee, dass man die Zahl der Zuwanderer:innen senken kann, indem man die Einreise erschwert, klingt logisch. Und die Kritik an der Forderung nach "offenen Grenzen" leuchtet auf den ersten Blick ein: nur mit Regeln und Grenzmanagement kann eine unkontrollierte Zuwanderung verhindert werden.
Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt eher das Gegenteil.[^5] Erstens sucht die Migration bei Einschränkungen einfach neue Wege (de Haas nennt dies "Wasserbetteffekt"). Zweitens verlagert sich die Migration stärker in den Untergrund. Drittens gibt es zwischen der Ankündigung von Verschärfungen und deren Umsetzung auch den "Torschluss-Effekt": Wer eigentlich unentschieden war, ob er in ein bestimmtes Land migrieren will, macht dies noch, solange es möglich ist.[^6]

Mythos 22: Der Klimawandel entfesselt eine Völkerwanderung

Ein Blick in die Zukunft

"Dieses Buch möchte ein ganzheitliches Verständnis der Migration vermitteln – weder als Problem, das es zu lösen gilt, noch als Lösung für Probleme, sondern als integraler Bestandteil umfassender Prozesse des gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandels der Gegenwart. Die hier angeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen,
dass wir das übliche Schwarz-Weiß-Denken hinter uns lassen und die Migration als das sehen müssen, was sie aktuell ist, und nicht als das, was sie unserer Meinung nach sein sollte."

Migrationstrilemma:

  1. Wunsch der Politik, die Zuwanderung zu kontrollieren
  2. Wunsch der Wirtschaft nach mehr Zuwanderung
  3. Schutz der Menschenrechte von Migrant:innen und Geflüchteten

Vermeintliche Auswege aus dem Migrationstrilemma:

  1. macht auf Härte, sieht aber faktisch weg.
  2. Befristete Zuwanderung.
  3. Offene Grenzen, Freizügigkeit

Was tun?

  1. Betonen, dass die Menschen in der allergrössten Mehrheit legal kommen.
  2. Betonen, dass die Anzahl Flüchtender nicht explodiert.
  3. Die Ukraine hat gezeigt: Aufnahme Schutzbedürftiger ist keine Frage der Kapazitäten, sondern des politischen Willens.
  4. Das Asylsystem soll tatsächliche unterscheiden, wer Schutz braucht, und wer nicht, mit juristischem Beistand, aber mit zügigen und glaubwürdigen Verfahren.

Fussnoten

[^1]: Hein de Haas präzisiert dazu: "Die tatsächlichen Zahlen sind sicherlich höher, da ein großer Teil der illegalen Zuwanderung nicht entdeckt wird. Das trifft vor allem auf die 1990er Jahre zu, als die Kontrollen weniger intensiv waren und illegale Migranten noch verhältnismäßig einfach über die Grenzen kamen. Trotzdem besteht kein Zweifel, dass die illegale Migration nur einen Bruchteil der Migration nach Europa ausmacht."
[^2]: "Behörden versuchen, Geflüchtete an der Einreise zu hindern, indem sie Fluggesellschaften verpflichten, vor dem Boarding die Einreisepapiere zu prüfen. Daher schließen sich Flüchtende heute den illegalen Migranten an."
[^3]: "Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass zwischen 2014 und 2022 mindestens 53000 Menschen auf dem Weg in ihr Zielland ums Leben kamen: die Hälfte davon (26000) im Mittelmeer, der tödlichsten Grenze der Welt; 12000 in Afrika und 7400 in Nordamerika."
[^4]: The Migrants’ Files (2015), »The Human and Financial Costs of 15 Years of Fortress Europe«. 18. Juni 2015. http://www.themigrantsfiles.com , abgerufen am 6. Januar 2023.
[^5]: "Weder in Europa noch in Nordamerika konnten Grenzkontrollen also die Einreise von Asylsuchenden und illegalen Zuwanderern verhindern. Stattdessen begann ein Katz-und- Maus-Spiel zwischen Grenzschützern und Migranten und ihren Schmugglern"
[^6]: Als Beispiele nennt de Haas die Unabhängigkeit Surinams oder Inkrafttreten des Commonwealth-Einwanderungsgesetzes im Jahr 1962: "Bis dahin hatten Einwohner von Commonwealth-Staaten – überwiegend ehemalige Kolonien – das Recht, sich in Großbritannien niederzulassen. Aus Sorge vor einer unkontrollierbaren Zuwanderung setzte das Parlament dem ein Ende. Doch die Abgeordneten ahnten nicht, dass sie mit der Ankündigung des Vorhabens im Jahr 1961 eine Einwanderungswelle auslösen würden und dass Kariben, Inder und Pakistani versuchen würden, dem Zuwanderungsstopp zuvorzukommen. Der Geograph Ceri Peach dokumentierte sorgfältig, wie die Angst vor der Grenzschließung viele Menschen in dem Wunsch bekräftigte, auf den letzten Drücker nach Großbritannien zu ziehen. Die Zuwanderung aus Indien stieg innerhalb eines Jahres von 5800 auf 23750, die aus Pakistan (damals noch mit Bangladesch, das 1971 unabhängig wurde) verzehnfachte sich von 2500 auf 25100 und die aus der Karibik stieg von 16400 auf 66300. Dies etablierte die Präsenz von Südasiaten und Kariben in Großbritannien, die durch den Familiennachzug in den 1970er und 1980er Jahren weiter gefestigt wurde."